"WATSU"
- die neue Wassertherapie
von
Mariella Floris, WATSU- und Massagelehrerin und Martin Dittes, Physiotherapeut
(aus:
Physikalische Therapie 17, 8/96 + 9/96)
WATSU
ist ein Kunstwort, das den meisten Lesern der "Physikalischen Therapie"
hier und jetzt zum ersten Mal im Leben begegnet. Was damit bezeichnet
wird, soll im folgenden detailliert beschrieben werden.
Entwickelt
hat das Wort ebenso wie die so bezeichnete Therapieform vor rund fünfzehn
Jahren der US-Amerikaner Harold Dull. Er hatte mehrere Jahre in Japan
die Techniken der Fingerdruckpunktmassage und Meridiandehnung des Shiatsu
studiert und praktiziert, bevor er, nach Amerika zurückgekehrt, auf
den Gedanken kam, diese Therapie in körperwarmem Wasser durchzuführen.
Aus dieser Idee entstand auch das Wort Wat(er Shiat)su.
Der
Therapeut bewegt den Patienten schwerelos in fließenden, schaukelnden,
rollenden und kreisenden Rhythmen im körperwarmen Wasser. Er nutzt dieses
therapeutisch optimale Medium Wasser unter anderem zur physiologischen
Dehnung von Bändern und Muskeln in Komplexbewegungen. Gelenkentlastung,
Muskelrelaxation, Dehnung von Halte- und Stützstrukturen. Wärme und
therapeutische Zuwendung führen rasch zu physischer und psychischer
Tiefenentspannung. Ihr ganzheitlicher Ansatz und die Wirkung dieser
neuen Therapie prädestinieren sie zum Einsatz in der Orthopädie sowie
der Neurologie, der Geriatrie und der Schmerztherapie ebenso wie in
der Psychosomatik und der Geburtsvor- und –nachbereitung.
Physikalische
Eigenschaften des Wassers
Der
normale Aufenthaltsort des Menschen ist - bei ständigem Bodenkontakt
- die Luft. Begibt er sich ins Wasser, sind für jeden gesunden Menschen
mehrere Veränderungen sofort spürbar. Zu allererst wird man die andere
Temperaturwahrnehmung bemerken. Während man in der Luft Temperaturen
zwischen + 20°C und + 25°C je nach Feuchtigkeitsgehalt als angenehm
und körperneutral wahrnimmt, muss Wasser auf ca. + 34°C bis + 36°C erwärmt
sein, um als körperneutral empfunden zu werden. Das liegt an der unterschiedlichen
Wärmeleitfähigkeit
der beiden Medien. Die des Wassers ist ungefähr fünfundzwanzigmal größer
als die Wärmeleitfähigkeit der Luft. Dazu kommt noch der im Wasser wesentlich
stärker wirksame physikalische Effekt der Konvektion (Umschichtung des
Mediums durch Temperaturdifferenzen innerhalb des Mediums). Beide Effekte
(Wärmeleitfähigkeit und Konvektion) liegen unter anderem in der höheren
Dichte des Mediums Wasser begründet.
Während
- wie jeder weiß - ein Liter Wasser ein Kilogramm wiegt, sind es bei
Luft 1000 Liter. Daraus ergibt sich, dass Wasser die tausendfache Dichte
von Luft aufweist. Diese höhere Dichte des Wassers ist neben den oben
erwähnten physikalischen Eigenschaften noch für drei weitere wesentliche
Effekte verantwortlich, die sich auf den menschlichen Körper im Wasser
auswirken, nämlich für den Auftrieb, den Druck und den Widerstand. Letzterer
ist beim Eintauchen des Körpers ins Wasser sofort dadurch spürbar, dass
jede Bewegung nur erheblich langsamer und/oder mit deutlich höherem
Kraftaufwand durchgeführt werden kann.
Taucht
der Mensch mit seinem ganzen Körper ins Wasser ein, so nimmt er die
Wirkung des Auftriebs wahr, die das Schwimmen im Wasser ermöglicht.
Der menschliche Körper besteht, je nach Alter, zu ca. 80 bis 60% aus
Wasser. Nach dem archimedischen Prinzip verliert ein Gegenstand im Wasser
soviel an Gewicht, wie die von ihm verdrängte Wassermenge wiegt. Weil
auch die restlichen 20 bis 40% Körpermasse nicht wesentlich schwerer
als Wasser sind, wird der menschliche Körper im Wasser nahezu schwerelos.
Solange
wir uns an der Wasseroberfläche aufhalten und nicht in größere Tiefen
abtauchen, können wir das Gewicht des Wassers kaum wahrnehmen, da es
von allen Seiten quasi gleich stark auf unseren Körper einwirkt. Dennoch
hat dieser hydrostatische Druck Auswirkungen auf den menschlichen Organismus.
Insbesondere durch die Kompression des oberflächlichen venösen Systems
der unteren und oberen Extremitäten kommt es zu einer Blutmengenverschiebung
zum Körperstamm.
Physiologische
Auswirkungen
Durch
den Auftrieb wird dem menschlichen Körper im Wasser die Eigenschwere
genommen. Was wir in der Schlingentischtherapie unter technisch recht
erheblichem Aufwand an einzelnen Körperabschnitten in aller Regel für
Bewegungen in einer Ebene (also in zwei Dimensionen) herstellen können,
erreichen wir durch Eintauchen ins Wasser ganz ohne technischen Aufwand
und bewahren uns dabei noch die volle Beweglichkeit aller Gelenke in
allen drei Dimensionen!
Jeder
Physiotherapeut, der am Schlingentisch ausgebildet ist, weiß die physiologischen
und therapeutischen Vorteile dieses Gerätes zu schätzen. Um wie viel
größer sind diese Vorteile, wenn man dabei die volle Bewegungsfreiheit
behält!
Der
hydrostatische Druck bewirkt eine Blutmengenverschiebung vom oberflächlichen
peripheren venösen System zum Körperstamm. Dieser verstärkte Rückfluss
venösen Blutes bewirkt seinerseits eine verstärkte Vordehnung der rechten
Herzkammern und so ein höheres Schlagvolumen des Herzens.
Da
die zu erbringende körperliche Leistung (des Patienten) während der
Therapie sehr gering ist, führt das erhöhte Schlagvolumen zu einem deutlichen
Absinken seiner Herzfrequenz. Dieser sogenannte Tauchreflex, der bei
Aktivitäten im Wasser zu einer besseren Pumpökonomie des Herzens führt,
unterstützt in der WATSU Therapie auf physiologische Weise ideal die
Tiefenentspannung.
Da
wir uns beim WATSU mit unseren Patienten im körperwarmen Wasser (ca.
34/35°C) bewegen, spielt die höhere Wärmeleitfähigkeit und bessere Konvektion
des Wassers hier physiologisch faktisch keine Rolle. Der Körper hat
so gut wie keine Temperaturregulationsleistung zu erbringen. Die Wassertemperatur
liegt nur geringfügig höher als die Oberflächentemperatur des Körpers,
und so kommt es nur peripher zu einer leichten Kapillardilatation. Diese
reicht aber aus, um im Zusammenspiel mit den Wirkungen des hydrostatischen
Drucks reflektorisch eine allgemeine Muskeltonussenkung herbeizuführen.
Das
Sanskrit-Wort „Atma", das der Wortstamm für unser deutsches Wort
"Atem" ist, bedeutet "göttliches Selbst".(1) Im
gleichen Sinn wird nach der biblischen Schöpfungsgeschichte der Mensch
erst durch das Einhauchen des göttlichen Odems zum Leben erweckt. Beides
weist uns auf die zentrale Bedeutung des Atems für alle Lebensvorgänge
hin.
Jeder
in der Psychosomatik oder der Geriatrie erfahrene Physiotherapeut weiß
heute ebenso gut wie jeder Rückenschullehrer und auch jeder körperorientierte
Psychotherapeut um die Wichtigkeit einer integrierten oder begleitenden
Atemtherapie bei jeglicher Reha-Maßnahme. Ja, jeder Leser dieses Beitrags
kann es vermutlich an sich selbst überprüfen, wie sehr unser "zivilisiertes
Leben" dazu angetan ist, mit seinen täglichen physischen und psychischen
Belastungen unseren freien Atem einzuschränken. Ausdrucksweisen wie
"das verschlägt einem den Atem", "da bleibt einem die
Luft weg" aber auch "das lässt mich aufatmen“ sind sprachliche
Beweise für die Erkenntnis, dass Psyche und Atem (Physis) ganz eng zusammenhängen.
Ebenso
gehen beispielsweise Haltungsschäden aller Art - nicht nur im BWS-Bereich
fast ausnahmslos mit mehr oder weniger ausgeprägten Atemblockaden einher.
(2) Dies gilt in gleicher Weise für alle akuten und chronischen Schmerzen.
Wilhelm
Reich sprach als erster von dem Muskelpanzer, den wir bei andauernder
psychischer Be- und Überbelastung aufbauen. Dieser ist nichts anderes
als ein chronisch erhöhter und willentlich nicht mehr kontrollierbarer
Muskeltonus, nicht nur der quergestreiften Muskulatur. Der oben beschriebene
Tauchreflex bewirkt über die Senkung der Pulsfrequenz und einer allgemeinen
Verlangsamung von Stoffwechselvorgängen auch eine Reduzierung der Atemzüge
pro Minute.
In
Verbindung mit der reflektorischen generellen Senkung des Muskeltonus
trägt er so auch auf Ebenen, wo Psyche und Physis nicht mehr voneinander
zu trennen sind, höchst wirksam zur raschen Tiefenentspannung des WATSU-Patienten
bei. Dessen Atemzüge werden ruhiger, tiefer und gleichmäßiger.
Psychologische
Aspekte von Wassertherapie
"Der
Ursprung allen Lebens auf unserem Planeten liegt im Wasser. Zwei Drittel
der Erdoberfläche und ungefähr 70% des menschlichen Körpers bestehen
aus diesem Element. Die stammesgeschichtliche Entwicklung des Lebens
führt vom Wasser aufs Land, vom Einzeller über Wirbellose, Fische und
Reptilien bis zu den Säugetieren und Primaten. Jeder Mensch legt in
seiner eigenen Entwicklung vom Fötus zum Erwachsenen diesen Weg nochmals
zurück und wiederholt so gewissermaßen in seiner individuellen Entwicklung
die Entwicklung auf der Erde". (3)
Diese
tiefe Erfahrung des Aus-dem-Wasser-Kommens, die jeder Mensch in sich
trägt, birgt die Erklärung dafür, warum wir uns zum Wasser so hingezogen
fühlen und wir Wasser - richtig temperiert wie das Fruchtwasser im Mutterleib,
in dem jeder von uns so schwerelos und wohlbehütet war - als so überaus
wohltuend empfinden.
Andererseits
kennen wir alle auch die Urangst vor dem Wasser. Diese Angst vor dem
Unendlichen, Formlosen, vor dem In-die-Tiefe-Gezogen- und Verschlungen-Werden.
"Selbst Wüstentiere können panische Angst vor dem nassen Element
zeigen, obwohl sie Wasser in nennenswerten Mengen aus eigener Erfahrung
gar nicht kennen" (4).
Die
Angst vor dem Wasser hat für den modernen Menschen ihre reale Bedeutung
weitgehend verloren." (5) Dennoch ist sie noch häufig anzutreffen
und muss durch eine entsprechende einfühlsame Vorbereitung des Patienten
auf diese noch weithin unbekannte Therapie durch den WATSU-Therapeuten
zumindest soweit abgebaut werden, dass die positiven Erfahrungen in
der Behandlung ein Überwinden dieser Urangst möglich machen. "Erfahrungen
haben gezeigt,... dass sich die Ur-Angst zu einem Urvertrauen wandeln
kann. Neugeborene, die nach der Geburt mit dem Wasser vertraut bleiben,
fallen durch überdurchschnittlich gute Bewegungskoordination, psycho-emotionelle
Ausgeglichenheit und gesundes Selbstvertrauen auf. Auch uns Erwachsenen
steht dieser Weg (durch die Wassertherapien) offen." (6)
Spätestens
seit der Entwicklung der Humanistischen Psychologie, den Arbeiten Gerda
Boyesens und der "Renaissance" Wilhelm Reichs sollte die Einsicht,
dass die Aufteilung des Menschen in Körper, Geist und Seele eine rein
künstliche ist zum Zwecke der wissenschaftlichen Operabilität auch für
uns Physiotherapeuten zum Allgemeingut gehören.
Bisher ist den Verfassern keine andere therapeutische Methode bekannt
geworden, welche die Erkenntnis der untrennbaren Einheit des Menschen
in so wunderbarer Weise offensichtlich und erfahrbar macht wie WATSU.
Dem
einfühlsamen WATSU-Therapeuten gelingt es rasch, ein Vertrauensverhältnis
zum Patienten herzustellen. Dann ist es dem Patienten auch möglich,
seine allgegenwärtige Zeit- und Raumkontrolle weitgehend - im Idealfall
vollständig - aufzugeben und sich total den sicheren Händen seines Therapeuten
anzuvertrauen, längst verlorengegangene Nähe wieder zuzulassen.
"Durch
die... im wahrsten Sinn des Wortes gegebene Be-Handlung gewinnt der
Patient das Gefühl der menschlichen Zuwendung, das in unserer hochtechnisierten
und oft unpersönlich gewordenen Medizin für den Heilungsprozess wichtiger
denn je ist." (7) Was Hentschel hauptsächlich auf die klassische
Massage bezieht, trifft in noch höherem Maße auf die WATSU-Therapie
zu. "Entscheidend für den therapeutischen Erfolg ist die Qualität
der Bewegungsführung." (8) Aber die "Möglichkeiten des WATSU
werden jedenfalls nicht ausgeschöpft, wenn man sich nur auf den körperlichen
Prozess beschränkt." (9) "Die Wirkungen dieses Wiedererlebens
von Bewegung im Element Wasser reichen jedoch in die tiefsten Schichten
unseres Unterbewusstseins." (10) "Die Methode ist sehr einfach,
verlangt aber kompetente Anleitung und Ausführung." (11)
Kontraindikationen
und Indikationen für WATSU
WATSU
ist im Rahmen der physikalischen Therapie eine Sonderform der hydrotherapeutischen
Anwendungen. Dementsprechend gelten hier grundsätzlich die gleichen
Kontraindikationen, die generell für jede Form der Hydrotherapie Geltung
haben. Diese dürfen beim Leser als allgemein bekannt vorausgesetzt werden.
Herz-/Kreislauferkrankungen stellen, wie aus den Darlegungen im ersten
Teil abzuleiten ist, im allgemeinen keine Kontraindikation dar. Lediglich
in extrem schweren Fällen ist ein Abklären der individuellen Risikolage
mit einem einschlägig qualifizierten Arzt anzuraten.
Bei
Asthma-Kranken ist Vorsicht geboten, da manchem Patienten die im Raum
herrschende feuchtwarme Luft Probleme bereiten könnte.
Encephalomyelitis
disseminata (MS) stellt nur für diejenigen Patienten eine Kontraindikation
dar, die sich in einer Phase des Krankheitsverlaufs befinden, die Wärmeanwendungen
verbietet.
Da
sich der WATSU-Therapeut schneller als bei anderen physikalischen Anwendungen
einer Situation gegenübersehen kann, in der psycho-emotionale Momente
in den Vordergrund rücken, ist die umfassende und gründliche Schulung
und Ausbildung unabdingbare Voraussetzung für das Arbeiten mit Patienten.
Ein
"Therapeut", der nur rein mechanisch die Grifftechniken des
WATSU erlernt hat, stellt als Person die an erster Stelle zu nennende
Kontraindikation dar!
Neben
orthopädischen und neurologischen Patienten steht das weite Feld der
psychosomatischen Erkrankungen ganz weit oben auf der Indikationsliste.
Aber auch in der klinischen Schmerztherapie, der Geriatrie sowie der
Geburtsvor- und -nachbereitung stellt WATSU eine enorme Bereicherung
der Therapiemöglichkeiten dar. In der Psychiatrie findet der WATSU-Therapeut
vom Suchtbereich bis hin zum autistischen Patienten ein breites Spektrum
an Betätigungsmöglichkeiten vor. [...]
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(1)
Der große Brockhaus, Wiesbaden, 1967
(2)
Zauner, R. und Göb, A.: Sprechstunde Rückenschmerzen, S. 62 ff., München/
Gütersloh/ Wien, 1977
(3)
Schröter, A. P. und Schneider, S. W.: Alles Leben ist im Wasser zu Hause.
In: Die neuen Wassertherapien, Connection-Special 23, IV/94, Niedertaufkirchen
(4)
Larsen, C.: Zurück ins Wasser. In: Connection 11/92, S. 53 ff., Niedertaufkirchen
(5)
Larsen, C.: ebenda
(6)
Larsen, C.: ebenda, S. 55
(7)
Hentschel, H.D.: Bei welchen Erkrankungen sind Massagen medizinisch
erforderlich? In: Physikalische Therapie 16, 06/95, Hamburg
(8) Larsen, C.: a. a. O., S. 54
(9)
Bleser, B.: In: Die neuen Wassertherapien, a. a. O., S. 90
(10) Larsen, C.: a. a. O., S. 55
(11) Larsen, C.: ebenda, S.
54
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